Mit der Schneckenpost auf Europareise
oder
Reisen als Schule des Lebens

Reisen bildet. Der kleine Wolfgang Amadeus Mozart hat in seinem ganzen Leben nie eine Schule besucht. „Was er lernte, lernte er von seinem Vater – seine Schulen lagen an den Reisestationen.“. So schreibt der Augsburger Historiker und Mozart-Experte Josef Mancal in seinem „Augsbuch“ mit dem Titel „Leopold Mozart und seine Familie auf Europareise“.

Drei Jahre lang reist der kleine Wolfgang mit seinen Eltern und Schwester „Nannerl“ von einer Stadt zur anderen. Die erste Europareise bringt ihn an die wichtigsten Höfe in München, Ludwigsburg, Frankfurt, Mainz, Bonn, Aachen, Paris, London, Den Haag … Wo immer möglich darf das Wunderkind Kostproben seines Könnens abgeben. Doch damit nicht genug: Unterwegs schreibt Wolferl seine ersten Sinfonien, kurz darauf seine erste Oper.

Unstrittig dürfte sein, dass keine der vielen Reisen Mozarts (er war von seinen 35 Lebensjahren mehr als zehn Jahre unterwegs) so viel zu seiner Bildung beigetragen hat wie die erste Europareise. Weil Mozarts Vater Leopold weiß, wie wichtig, lehrreich und geschäftsfördernd Reisen sind, begibt er sich – trotz aller damit verbundenen Mühen – von 1763 bis 1766 mit der ganzen Familie auf eine akribisch geplante Tournee, um seinen hoffnungsvollen Sprößling dem europäischen Hochadel in Staat und Kirche vorzustellen.

Diese erste Europareise dauert drei Jahre, fünf Monate und 20 Tage und führt über 4000 Kilometer durch das heutige Deutschland, Belgien, Frankreich, England, die Niederlande und die Schweiz. Mehr als 1000 Kilometer führt die Strecke durch das heutige Deutschland. Reisen zu jener Zeit ist anstrengend, kostet viel Zeit und viel Geld. Für die Distanz Salzburg – München braucht man damals in der Kutsche mindestens zwei Tage. „Das heist auf der Schneckenpost gereiset!“, schreibt deshalb der ungeduldige Leopold Mozart auch von unterwegs an seinen Freund Lorenz Hagenauer in Salzburg. Heute ist der Schnellzug in gerade mal 90 Minuten von Salzburg aus in München.

Ausgangspunkt der Reise ist Salzburg. Hier wird Wolferl am 27. Januar 1756 geboren, als siebtes Kind des Hofmusikers und Musiklehrers Leopold Mozart und seiner Frau Anna Maria. Mozarts Geburtshaus zählt zu den wichtigsten Attraktionen in Salzburg. Am 9. Juni 1763 macht sich die Familie Mozart mit dem damals 7-jährigen Wolfgang und seiner 12-jährigen Schwester Marianne auf, um quer durch das westliche Europa zu reisen. Nach fünf Stunden Fahrtzeit und einem Radbruch erreichen sie nachts Wasserburg am Inn und fallen im Gasthaus „Zum Goldenen Stern“ in ihre Betten. In Wasserburg kommt es auch zu Wolfgangs erstem Orgelspiel mit Pedalen in der Pfarrkirche St. Jakob.

Am 12. Juni erreicht die Familie München. Kurfürst Maximilian III von Bayern hatte den kleinen Mozart bereits ein Jahr zuvor spielen gehört. Begeistert veranlasst er einen musikalischen Abend, an dem Mozart sein Können am Klavier und an der Geige demonstriert. Zudem beweist er eines seiner größten Talente, die Fähigkeit des „Improvisierens“. Das Publikum ist begeistert. Unter den Gästen weilt auch der Vetter des Kurfürsten von Nymphenburg, Herzog Clemens von Bayern. Sein Empfehlungsschreiben wird für den Aufenthalt in Schwetzingen eine wesentliche Rolle spielen.

Zehn Tage später trifft „Herr Muzard mit Frau“ in der freien Reichsstadt Augsburg ein, Leopold Mozarts Heimatstadt. Für die Augsburger geben die Kinder drei Konzerte. Man logiert im vornehmen Gasthof „Zu den drei Mohren”. Auch wenn die Kosten von 95 Gulden fast das Dreifache von Leopold Mozarts Monatsbesoldung in Salzburg ausmachen, gehört die Wahl ausgesuchter Hotels auf der ganzen Reise zur gezielten Öffentlichkeitsarbeit des Reisemanagers Leopold. Man möchte einfach nicht mit dem gewöhnlichen fahrenden Volk in Verbindung gebracht werden. Auch dienen die Hotels unterwegs als Büro für die Organisation und den Verkauf von Konzertkarten.

Die Donaustadt Ulm ist Anfang Juli 1763 die nächste Station. Man wechselt die Pferde, steigt „Beym goldenen Rad“ ab, besichtigt die Stadt und selbstverständlich auch das berühmte gotische Ulmer Münster. Dort spielt der kleine Wolfgang an der großen Orgel mit zwei Manualen. Die Mozarts setzen die Reise über Geislingen und Göppingen fort und mieten sich in Plochingen im Gasthaus „Zum Waldhorn“, der damaligen Poststation, ein. Tags darauf, am 9. Juli, geht es weiter über Cannstatt nach Ludwigsburg, zum damaligen Sommerpalast des Stuttgarter Hofes.

Vom 12. bis 14. Juli beziehen die Reisenden in Bruchsal im damaligen Gasthaus „Zum Riesen“ Quartier und besichtigen am nächsten Tag das Barockschloss des Fürstbischofs Franz Christoph von Hütte. Leopold Mozart ist begeistert von der geschmackvollen Inneneinrichtung.

Schwetzingen gehört zu den ganz wichtigen Stationen auf Mozarts Reise. Die Familie weilt für fast 14 Tage in der Sommerresidenzstadt und logiert im „Roth Hauß“. Wolfgang und Nannerl spielen nicht nur bei einer musikalischen Akademie und begeistern ihr Publikum, die Mozarts machen auch die Bekanntschaft mit wichtigen Mitgliedern der berühmten Mannheimer Hofkapelle. Am 29. Juli erreicht die Familie Mannheim. Die „Mannheimer Schule“ wird in späteren Jahren Mozart prägen. In Mannheim verliebt sich Wolfgang 1778 als 22-Jähriger in die Sängerin Aloysia Weber, heiratet jedoch später deren Schwester Constanze.

Auf der Weiterfahrt übernachtet die Familie in der berühmten Nibelungenstadt Worms und erreicht am 3. August Mainz, wo sie im „König von England“ Quartier bezieht. Die Mozarts erkunden die Stadt, es gibt jedoch keinen Auftritt bei Hofe, da der Kurfürst schwer erkrankt ist. Dafür lässt Leopold Mozart seine Kinder im „Römischen König“, im späteren „Mozartsaal“, unter großem Beifall musizieren.

Eine längere Zeit verbringt die Familie in Frankfurt, wo Vater Leopold sich gute Einnahmemöglichkeiten durch Konzerte erhofft. In Frankfurt geben die Kinder insgesamt fünf Konzerte, eines davon am 30. August 1763 im „Scharfischen Saal“ auf dem Liebfrauenberg. Dieses Konzert besucht auch der 14-jährige Johann Wolfgang von Goethe. Er erinnert sich noch im hohen Alter an den kleinen Mozart.

Für die Strecke nach Koblenz schifft sich die Musikerfamilie ein; doch verlangsamt eine Schlechtwetterfront die Weiterfahrt, sodass sie nach Zwangsaufenthalten in Walluf, Oestrich, Bingen und St. Goar erst am 17. September das „Deutsche Eck“ erreichen. Bereits am nächsten Tag konzertieren die Kinder vor dem Kurfürsten Johann IX. Philipp von Waldersdorff. Am 26. September schließlich reisen die Mozarts weiter und erreichen am selben Tag Bonn. Es kommt zu keinem öffentlichen Auftritt, denn der Kurfürst befindet sich auswärts. Nach einer Besichtigung der Stadt reisen sie über Brühl nach Köln, wo sie am 29. September eintreffen.

Einen Tag später setzen die Mozarts die Reise nach Aachen fort, wo der deutsche Teil der ersten Europareise endet. Dort konzertieren der kleine Wolfgang und seine Schwester Nannerl zu Ehren der Prinzessin Amalie, der Schwester des König Friedrich II, die sich zu diesem Zeitpunkt in Aachen zur Kur aufhält. Die Prinzessin bedankte sich im Überschwang und küsst den kleinen Jungen mehrmals; Leopold Mozart berichtet darüber in seinen Aufzeichnungen. Am 2. Oktober 1763 verlässt die Familie Mozart deutsches Gebiet, um über Brüssel nach Paris weiterzureisen.

Text: Marilis Kurz-Lunkenbein

“ohne reisen I wenigstens leüte von künsten und Wissenschaften I ist man wohl ein armseeliges geschöpf! […] ein Mensch von mittelmassigen Talent bleibt immer mittelmässig, er mag reisen oder nicht – aber ein Mensch von superieuren Talent I welches ich mir selbst, ohne gottlos zu seyn, nicht absprechen kan I wird – schlecht, wenn er immer in den nemlichen ort bleibt.”

Wolfgang Amadeus Mozart, 1778 in einem Brief an seinen Vater Leopold

Gut zu wissen:

Reiseführer von Salzburg bis Aachen. 250 Jahre später kann man den Spuren des musikalischen Wunderkindes folgen und sich dabei von den Schönheiten der Orte entlang der Reiseroute beeindrucken lassen.

Der Reiseführer „Europäische Mozart Wege“ aus dem Grebennikov Verlag, Berlin (14,90 €) begleitet die Mozarts auf ihrer Reise von Salzburg nach Aachen und beschreibt die wichtigsten Mozart-Stätten. Daneben gibt es jede Menge Tipps und Empfehlungen für gutes Essen und Übernachten und Sehenswürdigkeiten vor Ort.

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