Die junge Stadt im Norden

In Groningen ist jeder zweite Bewohner unter 35 Jahre jung. Besonders auf junge Deutsche wirkt die Uni-Stadt im Norden der Niederlande wie ein Magnet. In keiner anderen Provinzstadt Europas sieht man vergleichsweise so viele junge Menschen.

Text: Marilis Kurz-Lunkenbein für Postbus Magazin 3/2016

Groningen ist Kult, besonders bei jungen Deutschen. Denn die Provinzhauptstadt im Norden der Niederlande ist – wie praktisch! – nur 50 Kilometer von der norddeutschen Grenze entfernt und alles andere als provinziell. Großstadtflair verbunden mit lässiger Gemütlichkeit, außergewöhnliche Museen, coole Mode- und Design-Geschäfte, ein Nachtleben ohne Sperrstunde und die nahe Nordseeküste lassen neben Groningen sogar das hippe Amsterdam alt aussehen. In der malerischen Altstadt, von einem Grachtenring aus kleinen Kanälen und Schifffahrtsstraßen umgeben, herrscht pulsierendes, quirliges Leben, denn jeder Zweite in der 200.000-Einwohner-Stadt ist unter 35 Jahre alt.

Alt neben Neu – das ist Groningen!

Das Stadtzentrum ist so gut wie autofrei und Reich der Radler. Fußgängerzonen führen durch die historischen Straßen in manch ein ziemlich abgedrehtes Geschäft. Aber gemach! Bevor man loszieht, lässt man sich erst mal in einem Korbsessel am Grote Markt nieder, trinkt einen Koffie Verkeerd (Milchkaffee) und lässt die alten Gemäuer der Stadt auf sich wirken. Da werden Campus-Gefühle wach und südländisches Lebensgefühl macht sich breit. 50.000 Studenten studieren an der 1614 gegründeten Rijksuniversiteit und an der viel jüngeren Hanzehogeschool, einer Art Fachhochschule, die 1986 gegründet wurde.

Ausgehstadt

Groningen kennt keine Sperrstunde, was Besuchern eine ausgeprägte Ausgeh-Kondition abverlangt. Ausgangspunkt ist eigentlich immer der von Lokalen umgebene Grote Markt, wo die größte Kneipe Europas, das „Drie Gezusters“, lockt. Weiter geht es in die Poelestaat, zum Kromme Elleboog und in die Peperstraat. Im Vera, dem ältesten Pop-Tempel nördlich von Amsterdam, gibt es fast jeden Abend Programm. Im „Huis De Beurs“ am Ende des Vismarktes sollte man die echte Groninger Senfsuppe („Mosterdsoep“) probieren. Nostalgie pur ist im Café Buckshot ( Gedempte Zuiderdiep 58) geboten, wo am Sonntagsnachmittag Live-Bands Funk, Jazz und Soul spielen. Das Café Koster (Hoogstraatje 7-9) ist Treffpunkt für Bluesfans jeden Alters. Ruhiger geht´s im Jazzcafé De Spieghel (Peperstraat)zu. Und wenn einen der Hunger überfällt: Die besten Hamburger soll es im Puur (Folkingestraat 13) geben, dazu eine spezielle Speisekarte für Vegetarier.

Tipp: Donnerstag ist Studentenavond mit megabilligen Preisen in Diskotheken. Das Bier gibt’s dann für einen Euro – und auch das open end!

Einkaufsstadt

In der alten Hansestadt sind die Läden auch sonntags offen. Durch die „Winkeltjes“ (Einkaufsstraßen) wie die Herestraat mit ihren Kaufhäusern und Markenläden, kann man sich einfach treiben lassen. In der Folkingestraat werden in originellen Läden Kunst, Kitsch, Kleidung, Kochgeschirr und Krimskrams aus aller Welt geboten. Die Oosterstraat ist bekannt für ihre Design- und Einrichtungsgeschäfte, der Zuiderdiep für seine vielen Antiquitäten und Kuriositäten. Exklusive Mode gibt es in der Zwanestraat und Waagstraat. Bunt und international ist das Angebot im „Hansehuis“ direkt an der Aa-Kirche.

Kulturstadt

Auch bei Kunst und Architektur gilt Alt neben Neu. Architekten wie Mendini, Natalini und Grassi haben der 1000 Jahre alten Stadt ihren neuen Stempel aufgedrückt und ihr mit dem Groninger Museum 1994 ein neues Wahrzeichen geschenkt, – einen Gegenpol zum 500 Jahre alten Martiniturm. Das spektakuläre Museumsensemble ist der einmaligen Zusammenarbeit weltberühmter Star-Architekten zu verdanken. Da lehnt der goldene Turm von Alessandro Mendini am silbernen Rundbau von Philipp Starck und verbindet sich mit einem futuristischen Anbau des Architektenduos Coop Himmelb(l)au. Auch innen – typisch Groningen – trifft wieder Jung auf Alt. Werke der Gegenwartskunst teilen sich den Platz mit Ausstellungen zur Geschichte der Stadt.
Der Kunstgenuss geht mit 400 Plastiken und Statuen unter freiem Himmel weiter. Unter der hochgezogenen Werkmanbrücke ist ein Fliesen-Tableau des belgischen Konzeptkünstlers Wim Delvoye zu entdecken. Man begegnet der acht Meter hohen verstörend schönen Ultra von Silvia B am Hochhaus De Regentes oder staunt über das riesige Hinterteil eines weißen Pferdes, das von Jan de Baat in Anlehnung an das Volkslied „Das Pferd von Ome Loeks ist tot“ geschaffen wurde (auf dem Bahnhofsplatz, wenn die Bauarbeiten beendet sind).

Fahrradstadt

Jeder Groninger besitzt statistisch 1,4 Fahrräder und damit mehr als jeder andere Niederländer. Neuerdings gibt es für Fietse-Fahrer sogar Ampeln mit Regenalarm, also Niederschlagssensoren, die schon beim ersten Tröpfeln auf Grün schalten. Fast die ganze Altstadt steht den Radlern zur Verfügung, der immer Vorfahrt hat und sich diese auch gnadenlos nimmt. Überlebenstipp: Vor dem Überqueren von Straßen und Wegen immer (!!!) nach links und rechts schauen.

Drei Dinge, die man tun sollte!

  1. In einem Kanu durch die Wasserkanäle auf Kreuzfahrt gehen.
  2. Durch den pittoresken Noorderhaven mit seinen Fischerbooten bummeln.
  3. Bitterballen probieren. Das sind mit Rind- oder Kalbfleischmasse gefüllte und frittierte Fleischkroketten.

Drei Dinge, die man lassen sollte!

  1. Niemals auf dem Fahrradweg laufen, denn der Radfahrer bremst nie.
  2. Niemals von den Holländern sprechen. Die Groninger sind Niederländer. Holland ist nur ein kleiner Teil (zwei Provinzen im Westen) der Niederlande.
  3. „Zur Sicherheit“ die Außenbezirke Groningens abends eher meiden. Im Zentrum ist ist sowieso mehr geboten.

Kunstpissoir

An ein Kunstwerk pinkeln, darf man das? Aber ja! Auf der Kleine der A, links auf der Brücke über die A wurde dafür extra ein öffentliches Kunstpissoir errichtet. Beim stilvollen Austreten kann man die Kunst des Architekten Rem Koolhaas und des Fotografen Erwin Olaf bewundern.

Zur Beachparty nach Borkum!

Nach so viel Nightlife reif für die Insel? Da liegt Borkum nahe und der Postbus bringt einen bequem zum Fähranleger in Eemshaven. Von dort geht es mit der Fähre durch die Nordsee zurück nach Deutschland. Mit fast 31 Quadratkilometern und 5100 Einwohnern ist Borkum die größte der sieben ostfriesischen Inseln und hat – trotz seiner Nähe zur Küste – bereits Hochseeklima: Nie zu kalt, nie zu heiß und jeden Tag anders. Langweilig wird das nie.
Wer Originale liebt: Borkum ist die Mutter aller Beachpartys. Während der Beachvolleyball-Turniere an den drei Wochenenden vom 23. Juli bis 7. August steigt traditionell die ganz große Beach-Party. Bei Musik und Lagerfeuer trifft man sich dann zum Chillen und Abtanzen. Genauso hoch her geht es auf der Strandfete der „Borkumer Jungens“, am 16. Juli. Die coolen Feten dieses Trachtenvereins von 1830 sind legendär. Oder am 12. Juli bei der Promenadenfete oder am 24. Juli beim Straßenfest rund um den Alten Leuchtturm in den Sonnenuntergang tanzen? Schließlich wird Borkum als die „Insel meiner Träume” bezeichnet!
Jenseits des Strandes in der Bismarckstraße befindet sich die Kneipen- und Clubmeile. Im „Inselkeller“ und im „Tanzclub Kajüte“ dehnt sich das Nachtleben mit aktuellen Charts und Oldies bis in den frühen Morgen aus. Die Unterwasserdiskothek hat sich auf die Musik der 1970er verlegt. In der urigen „Seekiste“ trifft man sich auf ein Bier und im „Lord Nelson Pubs“ auf einen Cocktail.

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